Was bewegt unsere Forschung?

Was bewegt unsere Forschung?

Saatgut und Sorten bilden die Grundlage des landwirtschaftlichen Pflanzenbaus. Dabei prägen die Strukturen von Saatgutproduktion und Pflanzenzüchtung entscheidend unser globales Ernährungssystem, dessen größte Herausforderung die Gewährleistung von Ernährungssicherheit für eine wachsende Weltbevölkerung ist. Bisherige Lösungsansätze zielten seit den 1940er Jahren vorwiegend auf eine Intensivierung der Landwirtschaft. Durch die Züchtung von Hochleistungssorten sollten steigende Ernteerträge erreicht werden. Diese Sorten benötigen im Anbau jedoch meist große Mengen chemisch-synthetischer Dünger und Pflanzenschutzmittel.

Die Konzentration der Züchtungsanstrengung auf wenige, wirtschaftlich attraktive Kulturarten und -sorten bedingt eine hohe Präsenz dieser Sorten in der Landwirtschaft. Ihr großflächiger, industrieller Anbau trägt zu einem Rückgang von Biodiversität sowie regulierenden und kulturellen Agrarökosystemleistungen bei. Dies ist gerade vor dem Hintergrund zukünftig benötigter Anpassungsfähigkeit an Klimaveränderungen problematisch und wirkt sich besonders auf die Landbevölkerung des globalen Südens negativ aus.

Eine wichtige Voraussetzung für langfristige Stabilität von landwirtschaftlichen Erträgen ist die Agrobiodiversität. Neben der Anpassungsfähigkeit von Nutzpflanzensorten an sich wandelnde Umweltbedingungen, hat Agrobiodiversität einen positiven Einfluss auf die natürliche Regulation von Pflanzenschädlingen und die Effektivität der Insektenbestäubung. Der Erhalt von  Agrobiodiversität wird so zu einem sehr wichtigen Bausteine einer umweltverträglichen Bewirtschaftungsweise.

Mit den aktuellen Strukturen der Sortenzüchtung und Saatgutproduktion sind nicht nur ökologische Probleme verbunden. Für Landwirte und Gärtnern ist die beschriebene Entwicklung häufig mit der Einschränkung ihrer Rechte auf freien Zugang zu Saatgut, die sogenannten „Farmers‘ Rights“, verbunden. Weltweit fordern Landwirte daher, die technische Zielvariable der Ernährungssicherheit durch die politische Forderung nach einer selbstbestimmten und demokratischen Ernährungssouveränität zu ersetzen, welche das Recht auf Zugang zu Saatgut und pflanzengenetischen Ressourcen umfasst.

Zwei Hauptentwicklungen können als Ursache der beschriebenen Problemzusammenhänge ausgemacht werden:

  1. eine zunehmende Marktkonzentration im Saatgut- und Agrarchemikaliensektor: Das Angebot auf dem internationalen Saatgutmarkt wird aktuell von 10 führenden Saatgutherstellern (kumulierter Marktanteil 75 %) maßgeblich bestimmt. Die drei größten Unternehmen haben einen Marktanteil von 53 %.
  2. die Ausweitung des Geltungsbereichs privater Eigentumsrechten an Saatgut und Sorten.  Bei Saatgut handelt es sich aus ökonomischer Perspektive grundsätzlich nicht um ein knappes Gut, da es sich selbst vervielfältigt und deshalb in großen Mengen verfügbar ist. Wirtschaftlich interessant wurde es als Produkt erst, als rechtliche und technische Mechanismen entstanden, die Saatgut und Sorten vor Vervielfältigung durch Dritte schützen. Diese Möglichkeit des Nutzungsausschlusses setzte Anreize für privatwirtschaftliche Investitionen in innovative Züchtungen. Zu den in diesem Kontext eingesetzten Verfahren in der Pflanzenzüchtung zählt insbesondere die Entwicklung nicht nachbaufähigen Hybridsaatguts.

Die Verfügbarkeit der beschriebenen rechtlichen und technischen Mechanismen hat ein System der Pflanzenzüchtung und Saatgutproduktion hervorgebracht, das seine Innovationskraft vorrangig für Sorten mit hohen wirtschaftlichen Ertragserwartungen aufwendet. Damit einher gehen negative externe Effekte: Unter anderem führt die Konzentration der Zuchtanstrengungen auf wenige ertragsstarke Sorten weltweit zu einer Verminderung der Sortenvielfalt und beeinflusst dadurch eine wesentliche Komponente der Agrobiodiversität. Im globalen Norden sind von einigen Arten (z. B. Tomate, Blumenkohl) größtenteils nur noch Hybridsorten erhältlich. Dies ist eine große Herausforderung für den ökologischen Pflanzenbau und Verbraucherinteressen.

In Deutschland schränken zudem die strengen Zulassungskriterien und aufwändige Zulassungsverfahren für Sorten die Markteinführung neuer Züchtungen ein. Die enge Auslegung des Saatgut- und Sortenrechts und der Kriterien im Rahmen der Sortenzulassung lassen Züchtern kaum Spielraum für die Entwicklung weniger einheitlicher, nachbaufähiger Sorten. Sie führen rechtlich, institutionell und hinsichtlich pflanzengenetischer Ressourcen zu einem „Lock-in“-Effekt für die Verfügbarkeit neuer Sorten. Diese Entwicklung steht im Konflikt mit Kernzielen eines zukunftsfähigen, sozial-ökologisch nachhaltigen Ernährungssystems. Für den Erhalt der Agrobiodiversität, die Gewährleistung der Ernährungssicherung und -souveränität sowie für die Bereitstellung vielfältiger Agraröko-systemleistungen setzt der regulative Rahmen keine wesentlichen Anreize.

Saatgut und Sorten als Gemeingüter bilden einen „zweiten Pfad“ neben dem privateigentums-rechtlichen Saatgutsystem, um die Handlungsspielräume und Mitbestimmungsmöglichkeiten der Akteure, von Kleinbauern in den Ländern des Südens sowie Landwirten und Erwerbsgärtnern im Pflanzenbau in den Ländern des Nordens, zu erweitern und wichtige, gesamtgesellschaftliche Funktionen der Pflanzenzüchtung zu gewährleisten. Dazu zählen die Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel bei gleichzeitig geringerer Umweltbelastung sowie der Erhalt und die Entwicklung einer großen Nutzpflanzenvielfalt für die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel. RightSeeds stellt die Verknüpfung von Organisationsformen innerhalb dieses „zweiten Pfades“ mit ihrer sozial-ökologischen Wirkung im landwirtschaftlichen Pflanzenbau in den Mittelpunkt und fragt insbesondere nach der Reichweite gemeingüterbasierter Ansätze in Bezug auf die sozial-ökologische Transformation des Pflanzenbaus.