Internationale Saatgutmärkte – Einige Fakten

Bereits 1997 wies die FAO darauf hin, dass sich die Menschheit von 7000 Arten, die historisch gesehen als Nahrung dienen, auf 30 Nutzpflanzen konzentriert, um 90% des Kalorienverbrauchs zu decken (FAO, 1997). Weizen, Reis und Mais allein lieferten 50% der Kalorien (FAO, 1997). Auf den internationalen Saatgutmärkten sind einige wenige Kulturpflanzenarten überproportional vertreten. Kulturen wie Mais, Weizen und Reis machen derzeit fast die Hälfte der weltweiten Saatgutproduktion aus (IMARC, 2019). Die Verwendung immer weniger essbarer Pflanzenarten für den globalen menschlichen Verzehr sowie deren geringere Verfügbarkeit hat sich im 20. Jahrhundert als Trend herauskristallisiert.

Gleichzeitig ist die Saatgut-Wertschöpfungskette komplexer geworden, da Saatgut nicht mehr in landwirtschaftlichen Gemeinschaften produziert wird. Die Züchtung, Saatgutbehandlung, Vermehrung, Verteilung sowie die Laboruntersuchung dazwischen können alle unter einem Dach erfolgen, sind aber meist auf spezialisierte Unternehmen verteilt (Mammana, 2014). Das Canadian Agriculture and Agri-Food Department gibt auf seiner Website mithilfe einer Grafik ein anschauliches Beispiel für eine Saatgut-Wertschöpfungskette.

Der Wert des globalen Saatgutmarktes wurde 2018 auf 60-67 Milliarden USD geschätzt und für die nächsten Jahre wird weiteres Wachstum erwartet (IMARC, 2019; MI, 2018b). Nordamerika stellt den größten Markt für globale Saatgutverkäufe dar, aber die Regionen Asien und Pazifik werden für die nahe Zukunft als die vielversprechendsten Investitionsmärkte identifiziert (MI, 2018b; AMR, 2017).

Die Marktmacht für Saatgut liegt in Nordamerika (ein Drittel des Marktes; IMARC, 2019; MI, 2018b), Europa und Asien, die alle multinationale Agrochemie- und Saatgutunternehmen hervorgebracht haben. Im Jahr 2017 befanden sich zwei der 20 führenden Unternehmen in den USA, zwölf in Europa (Frankreich, Niederlande, Deutschland und Dänemark) und sechs in Asien (China, Japan und Indien) (Zhang, 2017). Die erfolgreichsten Unternehmen sind Bayer-Monsanto, DowDuPont (nach der Fusion technisch in drei Teilkonzerne aufgeteilt (siehe http://www.dow-dupont.com/)), Syngenta (ChemChina) (IMARC, 2019). In den letzten Jahren war der globale Saatgutmarkt eine Bühne für spektakuläre Fusionen und Übernahmen zwischen den wichtigsten Akteuren der Branche (DowDuPont, Syngenta/ChemChina, Bayer-Monsanto).

Konsolidierungsprozesse in Saatgutmärkten

Diese Konsolidierung ist eine für die globale Saatgutindustrie bedenkliche Entwicklung, da sie zu wirtschaftlicher Ineffizienz und Marktversagen führt. Die Schätzungen des Konsolidierungsgrades reichen von 48% (Ragonnaud, 2013) bis 58% (ETC-Group, 2013) Marktanteil der vier führenden Unternehmen (Stand 2012) oder 50% der acht führenden Unternehmen im Jahr 2018 (MI, 2018b). Es ist jedoch zu beachten, dass einige der Unternehmen auf bestimmte Kulturen spezialisiert sind (z.B. zwei niederländische Unternehmen, die sich auf Gemüse bzw. Rasen konzentrieren; Zhang, 2017) und Marktanteile kontrollieren, die in diesen speziellen Bereichen über den allgemeinen Schätzungen liegen.

Der Konsolidierungstrend wird sich in naher Zukunft wahrscheinlich nicht abschwächen, es sei denn, es werden politische Schritte unternommen. Aufgrund wirtschaftlicher Eintrittsbarrieren wie erforderlichen Investitionen, genetischen Ressourcen und Erfahrungen ist es unwahrscheinlich, dass neue Unternehmen in den Markt eintreten werden (Ragonnaud, 2013). Die logische Konsequenz daraus ist, dass Märkte für gentechnisch verändertes Saatgut tendenziell stärker konsolidiert sind als die konventionellen Saatgutmärkte (Bonny, 2014).

So ist beispielsweise der EU-Saatgutmarkt aufgrund seiner Eigenschaft als Nicht-GVO-Markt (GVO = Genetisch veränderte Organismen) weniger konsolidiert als die weltweiten Märkte (Mammana, 2014). Da die Biotechnologie auf dem europäischen Markt fast keine Rolle spielt, wurde eine starke Konsolidierung verhindert. Jedoch kommt es trotz dieses vergleichsweisen diversifizierten Markts auch in der EU in bestimmten Ländern und bei bestimmten Kulturen zu Konzentrationsprozessen (Mammana, 2014). Die Märkte für Gemüse- und Maissaatgut sind stark konsolidiert (Mammana, 2014), während 50% des Getreides auf den EU-Märkten aus nachgebautem Saatgut stammt, was bedeutet, dass die Landwirte in diesen Fällen kein Saatgut kaufen, sondern Teile der Ernte aus dem Vorjahr als Saatgut verwenden (Vilmorin & Cie, 2013). Eine Erklärung für diese Diskrepanz sind die unterschiedlichen Reaktionen der Pflanzen auf Züchtungsbemühungen. Während Mais sehr positiv auf die Hybridisierung des Ertrags reagiert, wurden vielversprechende Weizenhybride noch nicht entwickelt. Die Marktmacht der europäischen Saatgutindustrie ist jedoch groß genug, um deutliche Preiserhöhungen für die Landwirte zu bewirken: Allein zwischen 2000 und 2008 ist Saatgut um 30% teurer geworden. (Mammana, 2014)
Ein weiteres Thema im Zusammenhang mit der globalen Marktkonsolidierung sind die so genannten Crop Orphan Sektoren: Da Unternehmen ihre F&E-Aktivitäten eher auf weit verbreitete Nutzpflanzen mit hohen Investitionsrenditeversprechen (aufgrund der Masse) konzentrieren, vernachlässigen sie weniger profitable, aber regional lebenswichtige Nutzpflanzen (z. B. afrikanische Wurzelgewächse und Hackfrüchte) (Bonny, 2014). Bei den derzeitigen Konsolidierungsprozessen könnten kleinere Unternehmen, die dieses Problem bisher durch die Züchtung von Kleinpflanzen abgefedert haben, in Zukunft absorbiert werden.

Aus Sicht der gesamten Nahrungskette ist dabe jedoch zu berücksichtigen, dass die Konsolidierung der Saatgutindustrie nicht der kritischste Faktor ist: „Trotz des raschen Wachstums und des beträchtlichen Gewichts der führenden Agrobiotech-Unternehmen ist der Einfluss der nachgelagerten Sektoren auf die Nahrungskette nach wie vor dominant.[….][Diese Sektoren] haben eine starke Wirkung auf die gesamte Nahrungskette, insbesondere durch ihre Anforderungen und ihren Einfluss auf das Konsumverhalten sowie auf die Agrar- und Lebensmittelpreise.“ (Bonny, 2014).

Besonderheiten der Sektoren für genverändertes (GV), konventionelles und ökologisches Saatgut

Zuverlässige politische und wissenschaftliche Quellen schätzen, dass gentechnisch verändertes Saatgut zwischen einem Drittel und fast der Hälfte des gesamten Saatgutumsatzes ausmacht (Bonny, 2014; Ragonnaud, 2013). Der Erfolg von GV-Saatgut gegenüber konventionellem Saatgut ist je nach Kultur sehr unterschiedlich. Während GVO bereits weltweit für Baumwolle und Sojabohnen verbreitet sind, scheinen andere wichtige Grund- und Nutzpflanzen (wie Weizen und Reis) einen vernachlässigbaren Anteil zu haben (Ragonnaud, 2013). Außerdem wird GV-Saatgut nicht in allen Regionen und Ländern gleichmäßig angenommen. Im Gegensatz zu Europa, wo gentechnisch verändertes Saatgut aufgrund von Vorschriften und öffentlicher Ablehnung nahezu irrelevant ist, erreichten gentechnisch veränderte Sorten in Nord- und Lateinamerika große Akzeptanzraten (über 90%) für verschiedene Nutzpflanzen (Ragonnaud, 2013; TMR, 2017). Der zweite Sektor, konventionelles Saatgut, kann komplementär zu den Daten für gentechnisch verändertem Saatgut gesehen werden: Je nachdem, welche Marktanteile nicht aus gentechnisch verändertem Saatgut bestehen, handelt es sich um konventionelles Saatgut. Der dritte Sektor, Bio-Saatgut (der Begriff bezieht sich auf Saatgut, das vor dem Verkauf unter ökologischen Bedingungen erzeugt wurde (Art. 12 lit. i, Europäische Bio-Verordnung)), ist derzeit fast vernachlässigbar (MI, 2018a). Da es jedoch für einen Paradigmenwechsel in der globalen Landwirtschaft stehen könnte, ist es einen genaueren Blick wert.

Der Sektor für Bio-Saatgut

Bio-Saatgut macht einen geringen Anteil von etwa 2,4-2,7% (eigene Berechnungen aus IMARC, 2019; MI, 2018a; MI, 2018b) am globalen Saatgutmarkt aus. Es wird jedoch erwartet, dass es in den nächsten Jahren deutlich wachsen wird, getrieben von einer steigenden Verbrauchernachfrage (TMR, 2017). Die USA und Kanada sind derzeit die größten Bio-Saatgutmärkte. Der Markt für Bio-Saatgut ist weniger konsolidiert als der konventionelle und der GV-Markt (MI, 2018a). Einige der führenden Unternehmen sind Tochtergesellschaften von Konzernen, wie z.B. HILD, das zu Bayer-Monsanto gehört. Der größte Teil des Marktes für Bio-Saatgut besteht jedoch aus einer Vielzahl kleinerer, regional agierender Saatgutunternehmen (MI, 2018a; GVR, 2016). Gemüsesaatgut hat den größten Anteil am Umsatz mit Bio-Saatgut. Dies ist ein Unterschied zu den Märkten für konventionelles und gentechnisch verändertes Saatgut, wo Getreide die wichtigste Kultur ist. Für Bio-Saatgut können sowohl das Züchtungsverfahren als auch das Ausgangsmaterial konventionell sein und es können Hybride verwendet werden, es sei denn, es gelten weitere Einschränkungen der Bio-Anbauverbände, z. B. Bioland, Demeter, etc. Einige Länder und Regionen, z. B. die EU, verlangen von den Bioproduzenten, dass sie Bio-Saatgut verwenden, falls vorhanden, andere überlassen die Entscheidung den Bauern, z. B. die USA. Obwohl es kleinere Zuchtprogramme gibt, die sich speziell auf samenfeste, rein ökologisch gezüchtete Sorten konzentrieren (= ökologische Züchtung), stammen mehr als 95% der weltweiten Bio-Produkte aus konventionell gezüchteten Sorten (Lammerts van Bueren et al., 2011).

Mehr Transparenz erforderlich

Allgemein kann festgehalten werden, dass die Saatgutindustrie ihre Geheimnisse bewahrt und die offiziell veröffentlichten Informationen lückenhaft sind (Mammana, 2014). Marktforschungsinstitute verfügen über relevante Daten, detaillierte Informationen sind jedoch nicht frei verfügbar. Daher sind die Diskussionen über die Marktanteile von Saatgut und die Konsolidierung in der Branche angesichts fehlender offizieller Daten und aufgrund ihres politischen Charakters kontrovers und normativ. Dabei streiten sich verschiedene Interessengruppen über geeignete Zukunftsstrategien. Während die einen für eine weitere Industrialisierung der Saatgutversorgung plädieren streben die anderen Saatgutregelungen mit mehr Raum für Alternativen an. Daher sind weitere unabhängige Informationen und Transparenz erforderlich, um eine fundierte Bewertung der aktuellen und zukünftigen Entwicklungen des Saatgutmarktes zu ermöglichen, die als Grundlage für eine objektive und produktive Diskussion dient.

Quellen:

Allied Market Research (AMR). (2017). Seed Market Outlook – 2023. Online verfügbar unter https://www.alliedmarketresearch.com/seed-market
Bonny, S. (2014). Taking stock of the genetically modified seed sector worldwide: market, stakeholders, and prices. Food Security, 6(4), 525–540. https://doi.org/10.1007/s12571-014-0357-1

ETC-Group. (2013). Putting the Cartel before the Horse…and Farm, Seeds, Soil and Peasants etc: Who Will Control the Agricultural Inputs?, 2013 (Communiqué No. 111). Online verfügbar unter http://www.etcgroup.org/putting_the_cartel_before_the_horse_2013

FAO. (1997). The State of the World’s Plant Genetic Resources for Food and Agriculture. Online verfügbar unter http://www.fao.org/3/a-w7324e.pdf

Grand View Research (GVR). (2016). Organic Seed Market Size To Reach $4.59 Billion By 2022. Online verfügbar unter https://www.grandviewresearch.com/press-release/global-organic-seed-market

Lammerts van Bueren, E. T., Jones, S. S., Tamm, L., Murphy, K. M., Myers, J. R., Leifert, C., & Messmer, M. M. (2011). The need to breed crop varieties suitable for organic farming, using wheat, tomato and broccoli as examples: A review. NJAS – Wageningen Journal of Life Sciences, 58(3–4), 193–205. https://doi.org/10.1016/j.njas.2010.04.001

Mammana, I. (2014). Concentration of market power in the EU seed market. The Greens, EFA in the European Parliament. Online verfügbar unter http://www.esporus.org/recursos/Documents%20interessants/Documents/Seeds-study_UK_28-01V3.pdf

Mordor Intelligence (MI). (2018a). Global Organic Seeds Market – Growth, Trends and Forecast (2019 – 2024). Online verfügbar unter https://www.mordorintelligence.com/industry-reports/organic-seed-market

Mordor Intelligence (MI). (2018b). Global Seed Market – Growth, Trends, and Forecast (2019-2024). Online verfügbar unter https://www.mordorintelligence.com/industry-reports/seeds-industry

IMARC Group. (2019). Seed Market: Global Industry Trends, Share, Size, Growth, Opportunity and Forecast 2019-2024. Online verfügbar unter https://www.imarcgroup.com/prefeasibility-report-seed-processing-plant

Ragonnaud, G. (2013). The EU seed and plant reproductive material market in perspective. A Focus on companies and market shares. European Parliarment, Directorate-General for Internal Policies. Online verfügbar unter http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/note/join/2013/513994/IPOL-AGRI_NT(2013)513994_EN.pdf

Transparency Market Research. (2017). Organic Seeds Market – Global Industry Analysis, Size, Share, Growth, Trends, and Forecast 2017 – 2025. Online verfügbar unter https://www.transparencymarketresearch.com/organic-seeds-market.html

Vilmorin & Cie. (2013). Document de référence 2012-2013. Online verfügbar unter http://www.vilmorin.info/vilmorin/CMS/Files/publications/publications%20et%20analyses/rapports%20annuels/VILMORIN_RA2013_Complet_def.pdf

Zhang, J. (2017). Top 20 Global Seed Companies in 2017. AgroPages. Online verfügbar unter https://www.accesstoseeds.org/app/uploads/2018/07/Top20GlobalSeed.pdf

Autorinnen: Nina Gmeiner, Svenja Puls

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