Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität

Ernährungssicherheit ist ein Konzept, das schon 1974 auf dem Welternährungsgipfel proklamiert wurde. Ernährungssicherheit wird dabei als Status angesehen, bei dem Menschen zu jeder Zeit körperlichen, sozialen und ökonomischen Zugang zu ausreichender, sicherer und nahrhafter Nahrung haben, die ihren Ernährungsbedürfnissen und persönlichen Präferenzen für ein aktives und gesundes Leben entspricht (World Food Summit, 1996). Um den Zustand der Ernährungssicherheit weltweit und für jeden einzelnen Menschen einschätzen zu können, werden vier Grundsäulen herangezogen. Verfügbarkeit, Zugang, Nutzung und Stabilität von ausreichend und gesunder Nahrung sind somit die Grundbasis eines jeden von uns.

Allerdings verbleibt die weltweite Zahl derer, die chronisch unter Ernährungsunsicherheit leiden mit 795 Millionen Menschen weiterhin extrem hoch (FAO, 2015). Es zeigt sich also, dass das Konzept der Ernährungssicherheit noch nicht für alle Menschen aufgeht. Das Problem liegt in der kapitalistischen Kernidee des Konzeptes. Da die Erträge in der Landwirtschaft nicht beliebig gesteigert werden können, konkurrieren Staaten und Unternehmen gleichsam um Produktionsfaktoren wie Land, Wasser und Nährstoffe. Das wiederum wirkt sich negativ auf sozial- und umweltrelevante Faktoren aus, worunter als erstes schwache Bevölkerungsschichten leiden. Der Abbau von Handelsschranken, wie Einfuhrzölle, durch den IWF und die Weltbank und Investitionsförderung von westlichen Unternehmen in den Ländern des globalen Südens durch Subventionen, sorgt zusätzlich für einen Interessenskonflikt zwischen westlichen Ländern und der Umsetzung von Ernährungssicherheit für die ganze Weltbevölkerung.

Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich seit einigen Jahren eine Bewegung gebildet, die eine alternative Herangehensweise versucht.

Der Begriff Ernährungssouveränität tauchte erstmalig Anfang der 80er Jahre in als Ziel in einem mexikanischen Regierungsprogramm auf und wurde das erste Mal auf internationaler Ebene 1988 in der Uruguay-Runde der WTO als neues Konzept diskutiert. La Vía Campesina (eine international Kleinbauernorganisation) definiert Ernährungssouveränität wie folgt: „Food Sovereignty is the right of peoples to healthy and culturally appropriate food produced through ecologically sound and sustainable methods, and their right to define their own food and agriculture systems.“ (La Vía Campesina, 2007). Dabei wird auch Ernährungssouveränität eher weniger als fester wissenschaftlicher Fachbegriff, sondern als politisches Konzept angesehen. Kernstück ist dabei die Demokratisierung der Lebensmittelproduktion, was unabdingbar mit dem freien Zugang zu Produktionsmitteln einhergeht. Allen Völkern der Welt wird damit das Recht auf die eigenständige Produktion und Verteilung von gesunde und kulturell angepasste Nahrung zugesprochen. Die Produktion soll lokal, nachhaltig und unter Achtung der Natur und all ihrer Lebewesen erfolgen. Die Verteilung der Nahrungsmittel stellt lokale Wirtschaftsformen und Märke in den Mittelpunkt. Produktions- und Handelswege sollen transparent und für jeden einsehbar sein. Innerhalb des Konzeptes von Ernährungssouveränität liegen die Nutzungsrechte auf Land, Wasser, Vieh und natürlich auch Saatgut bei denen, die in den Regionen leben und mit den dortigen Ressourcen Lebensmittel produzieren.

Die von La Vía Campesina ins Leben gerufene Bewegung ist in den letzten Jahren zu einem internationale Strom geworden und von vielen Ländern in ihre Arbeit hin zu Ernährungssicherheit aufgenommen worden. Venezuela, Nepal und Senegal habe das Konzept schon in ihre Verfassung aufgenommen und es kann davon ausgegangen werden, dass in den nächsten Jahren weitere Staaten folgen. Auf den Philippinen implementiert unser RightSeeds Praxispartner MASIPAG, ein Bauernnetzwerk, die Ideen des Ernährungssouveränitäts-Konzepts in seiner praktischen und politischen Arbeit.

Das Konzept hat gegenüber der Ernährungssicherheit klare Vorteile und ist zukunftsweisend. Ungeachtet dessen muss sich in den nächsten Jahren beweisen, dass die Umsetzung innerhalb unserer existierenden Systeme der Nahrungsmittelproduktion und –verteilung bestehen kann und wie soziale und ökologische Änderungsprozesse auf eine global funktionierende Ebene gehoben werden können.

Quellen:

FAO, IFAD, WFP, 2015. The state of food insecurity in the world 2015. In: Meeting the 2015 international hunger targets: taking stock of uneven progress.

La Vía Campesina, 2007. Declaration of Nyéléni. Feb 27 2017, Nyéléni Village, Sélingué, Mali.

World Food Summit, 1996. Rome Declaration on Food Security.

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