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Saatgutverteiler_OL-2017-06

Saatgutverteiler in Oldenburg

Am 17. Juni wurde Oldenburgs erster Saatgut-Verteiler auf dem Sommerfest des Kleingartenvereins Haarentor eingeweiht. Damit gibt es nun einen festen Anlaufpunkt für den Tausch von Saatgut und Sorten, der u.a. Hobbygärtner*innen ermöglicht, selbst gezogenes Saatgut mit anderen zu teilen und die Vielfalt der angebauten Sorten im eigenen Garten zu erhalten und zu erhöhen. Der Verteiler entstand im Rahmen des Praxisseminars „Gesellschaftliche Transformation durch Commons und ihre Governance“ an der Universität Oldenburg, in dem Studierende die Möglichkeit erhielten, in Zusammenarbeit mit Praxispartnern eigene transdisziplinäre Projekte zu entwickeln und umzusetzen.

Das Bereitstellen eines Saatgutverteilers knüpft an eine lange Tradition an: Saatgut und Sorten wurden über Jahrhunderte von Landwirten als Gemeingut selbst nachgezogen, weiterentwickelt und getauscht. Die Vielfalt an Sorten, die dabei entstanden ist, ist ein reicher Kulturschatz, auf den unsere heutige Landwirtschaft aufbaut und angewiesen ist. Doch sie ist bedroht: Die Privatisierung von Rechten an Sorten und neue biotechnische Züchtungsverfahren, die einen freien Nachbau einschränken, haben eine Monopolisierung im Saatgutmarkt unterstützt und den Anbau auf wenige, auf die industrialisierte Landwirtschaft ausgerichtete Hochleistungssorten beschränkt. Saatguttausch kann ein erster, wichtiger Schritt sein, um diesem aktuellen Trend entgegenzuwirken.

Wie die Preisträgerin des Wirtschaftsnobelpreises, Elinor Ostrom, herausgearbeitet hat, ist es bei der gemeinschaftlichen Nutzung von Ressourcen – in diesem Fall Saatgut und Sorten –  wichtig, einen klaren Personenkreis zu bestimmen, der die Ressource nutzen darf, bei der Gestaltung auf lokale Bedingungen einzugehen, gemeinschaftlich Regeln für die Nutzung festzulegen und deren Einhaltung zu garantieren. Diese Gestaltungsprinzipien berücksichtigten die Studierenden in der Ausgestaltung des Saatgut-Verteilers: In einer Fokusgruppe wurden zusammen mit Vertreter*innen der zukünftigen Nutzergemeinschaft aus Wurzelwerk und Kleingartenverein, sowie der Autorin und Saatgut-Expertin Anja Banzhaf Gestaltungselemente des neuen Verteilers und gemeinschaftliche Regeln für seine Nutzung bestimmt.

Ein Saatgut-Verteiler geht über das klassische Verständnis von Commons (zu deutsch etwa „Gemeingüter“) als gemeinschaftliche Verwaltung von natürlichen Ressourcen hinaus: Nicht nur wird hier Saatgut getauscht. Die Nutzergemeinschaft gibt über das Saatgut und den Informationen zu den getauschten Sorten auch ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter. Damit kann ein neues Bewusstsein für die angebauten Sorten und die Art des genutzten Saatguts (Hybrid, Bio, samenfest etc.) geschaffen werden. Auch neues Interesse und die Entwicklung von wichtigen Fähigkeiten, wie dem Nachziehen von eigenem Saatgut, kann hier entstehen. Damit hat ein Saatgut-Verteiler das Potenzial zu einem selbstbestimmteren Anbau und Saatgut- bzw. Ernährungssouveränität vor Ort beizutragen.

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Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität

Ernährungssicherheit ist ein Konzept, das schon 1974 auf dem Welternährungsgipfel proklamiert wurde. Ernährungssicherheit wird dabei als Status angesehen, bei dem Menschen zu jeder Zeit körperlichen, sozialen und ökonomischen Zugang zu ausreichender, sicherer und nahrhafter Nahrung haben, die ihren Ernährungsbedürfnissen und persönlichen Präferenzen für ein aktives und gesundes Leben entspricht (World Food Summit, 1996). Um den Zustand der Ernährungssicherheit weltweit und für jeden einzelnen Menschen einschätzen zu können, werden vier Grundsäulen herangezogen. Verfügbarkeit, Zugang, Nutzung und Stabilität von ausreichend und gesunder Nahrung sind somit die Grundbasis eines jeden von uns.

Allerdings verbleibt die weltweite Zahl derer, die chronisch unter Ernährungsunsicherheit leiden mit 795 Millionen Menschen weiterhin extrem hoch (FAO, 2015). Es zeigt sich also, dass das Konzept der Ernährungssicherheit noch nicht für alle Menschen aufgeht. Das Problem liegt in der kapitalistischen Kernidee des Konzeptes. Da die Erträge in der Landwirtschaft nicht beliebig gesteigert werden können, konkurrieren Staaten und Unternehmen gleichsam um Produktionsfaktoren wie Land, Wasser und Nährstoffe. Das wiederum wirkt sich negativ auf sozial- und umweltrelevante Faktoren aus, worunter als erstes schwache Bevölkerungsschichten leiden. Der Abbau von Handelsschranken, wie Einfuhrzölle, durch den IWF und die Weltbank und Investitionsförderung von westlichen Unternehmen in den Ländern des globalen Südens durch Subventionen, sorgt zusätzlich für einen Interessenskonflikt zwischen westlichen Ländern und der Umsetzung von Ernährungssicherheit für die ganze Weltbevölkerung.

Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich seit einigen Jahren eine Bewegung gebildet, die eine alternative Herangehensweise versucht.

Der Begriff Ernährungssouveränität tauchte erstmalig Anfang der 80er Jahre in als Ziel in einem mexikanischen Regierungsprogramm auf und wurde das erste Mal auf internationaler Ebene 1988 in der Uruguay-Runde der WTO als neues Konzept diskutiert. La Vía Campesina (eine international Kleinbauernorganisation) definiert Ernährungssouveränität wie folgt: „Food Sovereignty is the right of peoples to healthy and culturally appropriate food produced through ecologically sound and sustainable methods, and their right to define their own food and agriculture systems.“ (La Vía Campesina, 2007). Dabei wird auch Ernährungssouveränität eher weniger als fester wissenschaftlicher Fachbegriff, sondern als politisches Konzept angesehen. Kernstück ist dabei die Demokratisierung der Lebensmittelproduktion, was unabdingbar mit dem freien Zugang zu Produktionsmitteln einhergeht. Allen Völkern der Welt wird damit das Recht auf die eigenständige Produktion und Verteilung von gesunde und kulturell angepasste Nahrung zugesprochen. Die Produktion soll lokal, nachhaltig und unter Achtung der Natur und all ihrer Lebewesen erfolgen. Die Verteilung der Nahrungsmittel stellt lokale Wirtschaftsformen und Märke in den Mittelpunkt. Produktions- und Handelswege sollen transparent und für jeden einsehbar sein. Innerhalb des Konzeptes von Ernährungssouveränität liegen die Nutzungsrechte auf Land, Wasser, Vieh und natürlich auch Saatgut bei denen, die in den Regionen leben und mit den dortigen Ressourcen Lebensmittel produzieren.

Die von La Vía Campesina ins Leben gerufene Bewegung ist in den letzten Jahren zu einem internationale Strom geworden und von vielen Ländern in ihre Arbeit hin zu Ernährungssicherheit aufgenommen worden. Venezuela, Nepal und Senegal habe das Konzept schon in ihre Verfassung aufgenommen und es kann davon ausgegangen werden, dass in den nächsten Jahren weitere Staaten folgen. Auf den Philippinen implementiert unser RightSeeds Praxispartner MASIPAG, ein Bauernnetzwerk, die Ideen des Ernährungssouveränitäts-Konzepts in seiner praktischen und politischen Arbeit.

Das Konzept hat gegenüber der Ernährungssicherheit klare Vorteile und ist zukunftsweisend. Ungeachtet dessen muss sich in den nächsten Jahren beweisen, dass die Umsetzung innerhalb unserer existierenden Systeme der Nahrungsmittelproduktion und –verteilung bestehen kann und wie soziale und ökologische Änderungsprozesse auf eine global funktionierende Ebene gehoben werden können.

Quellen:

FAO, IFAD, WFP, 2015. The state of food insecurity in the world 2015. In: Meeting the 2015 international hunger targets: taking stock of uneven progress.

La Vía Campesina, 2007. Declaration of Nyéléni. Feb 27 2017, Nyéléni Village, Sélingué, Mali.

World Food Summit, 1996. Rome Declaration on Food Security.

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